Liga report 38: Editorial

Wie leid tut es uns, Ihnen keine frohe Botschaft  in dieser Zeit  senden zu können, die von Grausamkeiten und Irrwegen überschäumt, die uns  krank macht, unsere Nerven  strapaziert, dem Terrorismus fast ausgeliefert sieht.

Iran – in der westlichen Welt durch die Atomvereinbarungen und Aufhebung der Sanktionen  aufgewertet,  geht eifrig daran, eine schiitische Hegemonie  vom persischen Golf bis zur Mittelmeerküste  zu schaffen und seine Rolle als regionale Macht in Syrien an der Seite Assads mit bis zu 9.000 Soldaten – seit 2015 auch Söldnern aus Afghanistan und Pakistan – zu spielen.

In der Islamischen Republik ist eine Schattenregierung am Werk, die den  Wahlergebnissen Hohn spricht:  Der Präsident hat am 5. 11.16  von  Pressefreiheit  gesprochen, woraufhin  ihn die Schattenregierung heftigst attackierte. Musikveranstaltungen, deren Genehmigung junge  Menschen  erfolgreich beantragen, werden von Freitagspredigern, die den Kultusminister angreifen, verboten – nicht nur in einer Stadt, sondern im ganzen Land: „Wenn Musik verboten ist,  dann in allen Städten.“

In alles mischt sich die Schattenregierung ein:  In die Geburtstags-, Schul- und Studienabschlussfeiern, in die Hochzeitsfeste und die kleinen Abschiedsfeiern vor einer Ausreise. Ja, es geht sogar so weit, dass sich Ali Khamenei, der sich selbst als „politischer Führer der Hisbollah“ bezeichnet,  in die kommenden Präsidentenwahlen einmischt, um die Kandidatur  eines  Kandidaten zu verhindern.

Selbst bei den Festnahmen, Strafen, Gerichtsurteilen mischt sich die Schattenregierung ein: Seit der Revolution  sind über 200 Ärzte, Zahnärzte, Apotheker hingerichtet worden. Zurzeit – seit dem  31. Oktober 16- befinden sich  in Teheran acht politische Gefangene in Hungerstreik. Was für ein Land, in dem Schriftsteller und Dichter und Andersdenkende  mit dem Leben bezahlen mussten, wo Boutiquen, Cafés und Restaurants mit Plomben gesperrt werden,  wo ein Fußballspiel  mit Südkorea  wegen des Trauermonats abgesagt werden sollte, was die FIFA allerdings ablehnte, wo die Luft so verschmutzt ist, dass der Verschmutzungsgrad die Grenzwerte um mindestens das Sechsfache übersteigt wie in Zabol  (Sistan-Belutschistan).

Was wir hier berichten, ist längst nicht alles: Vor kurzem wurden in einem Teheraner Gericht unter Berufung auf das Gesetz der Blutrache  einem jungen Mann, der seiner Nichte  ungelöschten Kalk in die Augen geschüttet hatte, beide Augen entfernt. Auf einer Geburtstagsparty In Maschhad  erschienen Sicherheitsbeamte und Ordnungskräfte und haben eine 28-Jährige ohne Haftbefehl festgenommen und  ins Gefängnis gebracht. Dort haben zwei Wächterinnen von ihr verlangt,   die Hose  herunterzuziehen. Als sie sagte, sie schäme sich,  war die Reaktion Häme. 80 Peitschenhiebe musste sie erleiden. „Wo in der Welt“, fragt die Journalistin Massih Alinejad, „werden  Menschen, die ihren Geburtstag feiern, ausgepeitscht?“ So vieles könnte noch berichtet werden –ein Buch entstünde.

Iran braucht Devisen, denn um die Wirtschaft sieht es schlecht aus. 2015 verzeichnete das Land den Besuch von 5,2 Mio. Touristen, die dem Land 1.476 Milliarden Dollar einbrachten. Tendenz steigend. Eine weitere Einnahmequelle  sind die Doppelstaater, die aus geschäftlichen, familiären oder zwecks Berichterstattung einreisen und als „Spione“ verhaftet werden. Da zahlen viele Lösegeld, um freigelassen zu werden. Das US-Außenministerium hat sich in einem Fall geweigert, Tribut zu zahlen.

Um die Unterdrückung der Gesellschaft zu schildern, möchte ich den Regisseur Asghar Farhadi zitieren, der auf der Trauerfeier für seinen verstorbenen Kollegen Abbas Kiarostami  sagte: „Solltest Du zufällig Gott treffen, sag ihm, dass die Fische hier kein Wasser haben.“

M. Rafi – Vorstand